Der Beitrag als Podcast
Hallo ihr lieben Wohnenden,
Herzlich Willkommen auf meinem Blog. Schön, daß Ihr hier seid.
Der Biophilia-Effekt: Wie die Natur uns unterstützt und stärkt
Einer meiner tragenden Werte ist die Naturverbundenheit. Für mich ist die Natur bzw. Mutter Erde ein beseeltes Lebewesen, genau wie du und ich. Um zu verstehen, wie wichtig Natur in der Wohnumgebung ist, müssen wir erstmal verstehen, welche Rolle die Natur allgemein für uns Menschen spielt, und wie sie auf uns wirkt. Wir sind Teil der Natur – noch besser gesagt, wir sind Natur.
Als ganzheitliche Architektin beschäftige ich mich viel mit dem Thema Nachhaltigkeit beim Bauen und Wohnen. Hier aber nicht nur in Bezug auf Ressourcen wie Baumaterialien und Rohstoffe, sondern auch in Bezug auf humane Nachhaltigkeit. Wie können wir unsere Ressourcen stärken und resilienter werden? Und wie kann uns unser Wohnraum unterstützen?
In einer Welt, in der Technologie und künstliche Umgebungen immer mehr Raum einnehmen, wächst das Bedürfnis nach Naturerfahrungen. Hier kommt der Begriff Biophilia ins Spiel, der die natürliche Verbundenheit des Menschen mit der Natur beschreibt. Der Biophilia-Effekt – die heilende und wohltuende Wirkung der Natur auf den Menschen – wird zunehmend als eine wertvolle Ressource erkannt, die unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit und sogar unsere Kreativität fördern kann.
Der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm beschreib das Konzept der Biophilie als „die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen“. Die Sehnsucht sich mit anderen Lebewesen zu verbinden, ist ein menschliches Urbedürfnis.
In diesem Blog werfen wir einen genaueren Blick darauf:
- was der Biophilia-Effekt ist
- welche wissenschaftlichen Erkenntnisse ihn stützen
- und welche Bedeutung die Natur und das Waldbaden für unsere Gesundheit haben.
Das erste Mal hörte ich über Biophilie in meiner Ausbildung als Wohn- und Architekturpsychologin. Seither begegnet dieses Thema mir immer häufiger, da es in der Architektur und Raumgestaltung glücklicherweise immer mehr Einzug erhält.
So hielt ich eines Tages das Buch „Der Biophilia Effekt“ von Clemens Arvay in den Händen. Meine absolute Leseempfehlung (Link).
„Der Mensch kommt aus der Natur, entwickelte sich in ihr und im Wechselspiel mit ihr. Er ist daher als Teil der Natur zu betrachten“ (Clemens Arvay)
Die Wissenschaft hinter dem Biophilia-Effekt
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass der Aufenthalt in der Natur eine Reihe von positiven Effekten auf die psychische und physische Gesundheit hat. Zu den bekanntesten Forschungsergebnissen gehören:
- Stressabbau und Entspannung: Der Aufenthalt in einer grünen Umgebungen senkt nachweislich den Cortisolspiegel, was zu einem verminderten Stressniveau führt. Schon kurze Aufenthalte in Parks oder Wäldern reichen oft aus, um das Gefühl von Entspannung und innerer Ruhe zu fördern.
- Verbesserte Konzentration und Kreativität: Der Biophilia-Effekt wirkt auch auf unser Gehirn. Ein Aufenthalt in der Natur steigert die Konzentrationsfähigkeit und unterstützt kreatives Denken. Forschungen zeigen, dass selbst ein Blick ins Grüne aus dem Fenster reicht, um die Konzentration zu erhöhen – ein Grund, warum Pflanzen in Arbeitsräumen oder Büros eine sinnvolle Bereicherung sind.
- Stärkung des Immunsystems: Waldluft enthält Terpene, also pflanzliche Botenstoffe, die unser Immunsystem anregen und die Aktivität der sogenannten „natürlichen Killerzellen“ im Körper erhöhen. Diese Zellen spielen eine wichtige Rolle in der Bekämpfung von Viren und Tumorzellen.
- Psychische Stabilität und Stimmungsverbesserung: Naturerfahrungen können helfen, Symptome von Angstzuständen und Depressionen zu lindern. Menschen, die regelmäßig in der Natur Zeit verbringen, berichten von einem größeren inneren Gleichgewicht und mehr Lebensfreude.
1984 belegte Roger Ulrich Professor für Architektur und Gesundheitswissenschaften in der naturwissenschaftliche Fachzeitschrift Science, wie allein der Ausblick aus dem Fenster im Krankenzimmer hinaus ins Grüne und auf Bäume eine positive Wirkung entfachte. Nicht nur, daß die Genesung der Patienten schneller voran ging als bei jenen, die auf Mauerwerk und Gebäude blickten, sondern sie brauchten auch weitaus weniger Schmerzmittel, und wenn dann schwächere, nach ihren Operationen. Komplikationen im Nachgang der OP waren auch seltener der Fall. Professor Ulrich konnte weiter belegen, daß Naturfilme und Naturbilder der Heilung förderlich wirkten und Schmerzen lindernden. Patienten, die in Gärten verweilen, brauchten also weniger Antidepressiva und Schmerzmittel.
Bei mir tut sich da die Frage auf, warum diese wertvollen Erkenntnisse nicht geteilt werden und die Krankenhäuser nicht endlich in Gesundheitseinrichtungen verwandelt werden? Die Antwortet kennen wir. Es geht nicht um Prävention und Heilung, sondern darum möglichst krank zu sein aus wirtschaftlichen Interessen.
Eine weitere Studie von Yoshino Ohtsuka zeigt folgendes: Er unternahm mit 116 Diabetes Mellitus Typ 2 Patienten einen Ausflug in ein Waldgebiet. Vor der Abfahrt nahm er Blutproben, um den Blutzuckerspiegel zu messen. Im Wald spazierten die Patienten und machten längere Touren sowie 10 Min Rast. Das Ergebnis war, daß der Blutzuckerspiegel sich signifikant senkte ganz ohne Medikamente nur von der Walderfahrung. In einer weiteren Studie fand er heraus, daß sogar der bloße Aufenthalt ohne Bewegung die gleiche Wirkung aufzeigte.
Das Waldbaden (Shinrin Yoku)
Shinrin Yoku ist eine japanischen Naturtherapie und anerkannte Methode zur Vorbeugung gegen Krankheiten*. Es wird sogar vom staatlichen Gesundheitswesen gefördert.
Es ist ein achtsamer Spaziergang im Wald, bei dem wir voll und ganz in die Natur eintauchen und hat positive Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele. Es geht nicht nur um die bewusste Wahrnehmung der Natur, sondern auch um eine tief verwurzelte, instinktive Verbindung.
Für den einen oder anderen mag das Waldbaden noch den Beigeschmack einer esoterischen Spinnerei beinhalten. Allerdings wird das anders sein, wenn du diesen Beitrag zu Ende gelesen hast. Da alle Vorzüge nun auch wissenschaftlich untermauert werden können, denke ich, auch der letzte Skeptiker kann sich mit dem Thema anfreunden.
Der Wald ist ein ganzheitliches System- ein Lebewesen, und die Pflanzen kommunizieren über das Knacken ihrer Wurzeln (bio-akustische Signale) und Pheromone (Duftstoffe) miteinander, welche über die Luft übertragen werden.
Die Schweizer Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Florianne Koechlin sprach in einem Interview von ungefähr 2000 Duftstoff-Vokabeln aus 900 Pflanzenfamilien.
Viele dieser chemischen Wörter gehören zu der Stoffgruppe der Terpene. Sie kommen in der Natur in Blüten, Blättern, Früchten, Rinden und Wurzeln vor. Sie sind Bestandteil der aus den Pflanzenteilen gewonnenen ätherischen Öle und sind höchst gesundheitsfördernd. Wenn wir durch den Wald streifen, dann atmen wir diese ein und unser Immunsystem kommuniziert mit den Pflanzen. Waldaufenthalte stärken nachweislich unser Immunsystem, da die Anzahl der Killerzellen erhöht und sogar aktiver wird. Killerzellen fressen entartete Zellen, die evtl. z.B. zu Krebszellen werden könnten. Waldluft ist sozusagen ein wunderbares natürliches Arzneimittel. Forscher fanden heraus, daß auch mit Terpenen angereicherte Luft in Räumen in denen Versuchspersonen schliefen die Anzahl der Killerzellen erhöht wurde, wie es sich später bei der Blutuntersuchung zeigte. Also auch in unseren Wohnräumen eine wertvolle gesundheitsfördernde Unterstützung.
Schon Hildegard von Bingen schwärmte von der Heilkraft der Pflanzen und die Naturheilkunde weiß dies schon ewig.
„Stellen sie sich nun vor, sie betreten mit ihrem achtsamen, aufmerksamen und ebenfalls ständig kommunizierenden Immunsystem diesen Wald, einen Hot-Spot der Kommunikation. Ihr Immunsystem kommuniziert nicht nur mit anderen Organen und Systemen ihres Körpers und mit ihrem Gehirn, sondern auch mit der Außenwelt. Es ist ein Sinnesorgan, daß dazu gemacht ist, Informationen wahrzunehmen, die sie selbst nicht bewusst wahrnehmen können. Eine Aufgabe des Immunsystems ist es, Reize aus der Außenwelt einzuschätzen, zu erkenne und drauf zu reagieren. Das können Viren und Bakterien sowie alle möglichen Substanzen sein. Das Immunsystem ist also die unsichtbare Antenne ihres Körpers, mit der Sie den Wald betreten.“ (Zitat aus dem Buch „Der Biophilia-Effekt von Clemens Arvay S.29)
Natur als Ort der Entspannung und Regeneration
Natur hilft uns Anspannung und Stress abzubauen. Ein Waldspaziergang kann den Blutdruck senken und die Herzfrequenz beruhigen. Waldatmosphäre aktiviert den Vagus, den Nerv der Ruhe und Regeneration. Außerdem kann die Natur unseren Stresspegel senken und die Stresshormone Cortisol und Adrenalin nachweislich senken. Wenn wir uns an einem ruhigen und geschützten Ort in der Natur aufhalten, dann können unsere archaische Gehirnanteile in den Entspannungsmodus schalten. Damit sind das Reptiliengehirn und das limbische System gemeint.
Das Reptiliengehirn steuert Herzschlag, Blutdruck, Atmung und Schwitzen. Es steuert Schlafphasen und produziert das „Wohlfühl- Hormon“ Serotonin. Es ist eine automatisch arbeitende Schaltzentrale, die eine große Auswirkung auf unser emotionales Befinden hat.
Das limbische System ist verantwortlich für unsere Gefühle und Emotionen und teilt uns mit, wann wir entspannt sein können, oder auch aktiv und im Fluchtmodus sein sollten. Ihr habt sicher schon vom „Flight or Fight- Modus“ gehört, der seit Anbeginn der menschlichen Evolution existiert und ursprünglich dafür da war, auf Gefahren zu reagieren wie z.B. einer Begegnung mit einem Säbelzahntiger. Heute gibt es keine Säbelzahntiger mehr, aber durch selbst auferlegte Zwänge erschaffen wir uns oft permanent selbst solche Situationen, die den Cortisolspiegel ordentlich hochkochen lassen. Diese beiden Zentralen haben mehr Einfluss auf unser Leben, als uns bewusst sein mag. Sie reagieren permanent auf unsere Lebensumwelt.
„Es gibt nur eine Heilkraft, und das ist die Natur“ (Arthur Schopenhauer)
Warum wir mehr Natur in unser Leben lassen sollten
Der Biophilia-Effekt ist kein esoterisches Konzept, sondern eine wissenschaftlich belegte Reaktion unseres Körpers und Geistes auf die Natur. In einer modernen, hektischen Welt bietet uns die Natur einen einfachen, aber äußerst wirkungsvollen Ausgleich.
Sie reduziert Stress, fördert die Gesundheit und steigert das allgemeine Wohlbefinden. Das Bewusstsein für den Wert der Natur in unserem Leben ist entscheidend, um langfristig glücklich und gesund zu bleiben. Ob durch Spaziergänge, Pflanzen in der Wohnung oder biophile Architektur – der Weg zur Natur führt uns auch immer ein Stück näher zu uns selbst.
Nun habt ihr eine Vorstellung davon, wie wichtig und wunderbar die Natur für uns ist. Ich lade euch ein mehr spazieren zu gehen und achtsamer eure natürliche Umgebung wahrzunehmen. Spührt einmal mehr nach, was die Natur mit euch macht.
Und wie können wir diese wunderbaren Eigenschaften nun in unsere Räume bringen?
Dazu erfahrt ihr mehr im nächsten Artikel.
Ich danke Euch fürs Lesen, von Herzen
Eure WohnPoetikerin
Empfehlung
➔ Buch*: Clemens Arvay, Der Biophilia-Effekt: Heilung aus dem Wald | Das heilende Band zwischen Mensch und Natur






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